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Kleine Welt für sich

Braune Haare, große braune Augen, rote Hose, rosa Söckchen: Das ist die fünfjährige Julia. Sie steht auf einer Holzbank vor der Alphütte. Aus einem bunten Blumenstrauß auf dem Tisch hinter sich pickt sie eine gelbe Blume. Einzeln zupft sie die Blütenblätter ab und wirft sie vor sich auf den Boden.

„Komm, Schmetterling, komm“, ruft sie dabei und hüpft aufgeregt auf der Bank hin und her. Julia liebt Schmetterlinge, und hier oben auf fast 1700 Metern Höhe flattern viele herum.

Es ist so friedlich auf der Alpe Garnera, als hätte jemand den Klang der Welt leise gedreht

Im Sommer ist die Alpe Garnera Julias ganze Welt. Nichts hält sie vom Spielen ab: keine Straßen, keine Autos. Mit ihren Eltern Christian und Veronika Kartnig und der kleinen Schwester lebt das Mädchen von Anfang Juli bis Mitte September in den Bergen.

Die Alpe Garnera ist Teil der Dreistufen-Landwirtschaft, die in Vorarlberg schon vor Hunderten von Jahren praktiziert wurde. Während der Sommermonate sind die Kühe der Landwirte auf der Alpe. Ihr Weide­grund ist das gesamte Garneratal mit seinen teils steilen Hängen, aber auch mit seinen vielen Wildkräutern und saftig grünen Wiesen.

Die Alpe Garnera liegt mitten in einer grünen TraumlandschaftWiesen und Berge überall: Die Alpe Garnera liegt mitten in einer grünen Traumlandschaft

Christian und Veronika melken die etwa 30 Tiere am „Stofl“, wo die Alphütte und der Stall stehen. Viele Jahre wurde die Milch runter ins Tal gebracht und dort verkauft.

Heute produziert das Ehepaar aus der Milch selbst Käse, Butter, Joghurt und Topfen. „Meine Eltern haben einen landwirtschaftlichen Betrieb, und ich war schon als Kind hier oben auf der Alpe und habe meiner Cousine geholfen“, erzählt Veronika. Die Sennerei habe sie schon immer interessiert, deshalb wollte sie diese unbedingt weiterführen.

Bekannt sind die Eheleute Kartnig für ihren traditionellen Sura Kees, ein Magermilchkäse aus Kuhmilch, der schon seit dem 12. Jahrhundert im Montafon bekannt ist. Zur Herstellung entrahmt Veronika die Milch zuerst. Aus dem Rahm stellt sie später Butter her. Die Magermilch gibt sie dann in ein Holzfass, in dem die Milch ein paar Tage lagert und sauer wird, ganz ohne Zugabe von Kulturen. So will es die Tradition. Die saure Milch erwärmt Veronika, wodurch sich ein festerer Bestandteil, die Bolma, sowie die flüssige Molke bilden. Veronika füllt die Bolma in Formen.

Nach einem Tag werden die Käse gesalzen
und kommen zum Reifen in den Käsekeller. „Heute wird der Sura Kees am liebsten frisch gegessen, oft mit Kürbiskernöl oder im Salat“, erzählt Veronika. Ein bisschen sieht der Sura Kees wie Schafskäse aus, er schmeckt aber viel milder und cremiger. Und am schönsten genießt man ihn natürlich direkt vor Ort, auf der Alpe Garnera. Man sitzt auf einer der urigen Holzbänke, hat den würzigen Geruch der Bergwiesen in der Nase, hört das Gebimmel der Kuhglocken und lässt es sich schmecken.

Seit 500 Jahren trotzt die älteste Hütte auf dem Maisäß Ganeu der Witterung

Doch zurück zum Ausgangspunkt unserer kleinen Tour: Seit einigen Jahren gibt es von Gaschurn aus geführte Wandertouren zur Alpe Garnera – und auch wir sind am Morgen mit Wanderführer Gerhard Blaas hergekommen. Der lebt seit 40 Jahren in Vorarlberg und zeigt Gästen die schönsten Plätze seiner Heimat. Ausgestattet mit Filzhut und Fernglas, begrüßt er uns um 8 Uhr an der Versettla Bahn in Gaschurn. Von hier aus starten die zweistündigen Touren zur Alpe Garnera. In einer Gondel geht’s zunächst hoch auf 1400 Meter, zur Mittelstation. Schon von hier bietet sich uns ein weiter Ausblick über Gaschurn und in Richtung Tirol. Und Gerhard kennt natürlich jeden der Berge mit Namen.

Der Weg Richtung Garneratal schlängelt sich durch kleine Wälder und manchmal auch querfeldein über Wiesen. Zuerst geht’s über das Maisäß Lifinar und dann immer entlang des Garnerabachs. Unterwegs hören wir oft gar nichts, außer das Plätschern des Wassers oder den Ruf eines Vogels. Es ist, als hätte jemand den Klang der Welt leise gedreht. Schön friedlich.

Alle paar Meter springt Gerhard vom Weg in die Wiese und zeigt uns eine Pflanze: Fuchskreuzkraut, weißer Germer, Arnika und Hornklee. „Viele der Pflanzen haben Heilkräfte, früher pflückten sich die Bauern und Hirten bei Verletzungen das passende Kraut“, erklärt er. Auch über das heutige Leben der Bauern im Tal und auf den Alpen erzählt er viel. „Jeder Landwirt muss im Frühjahr heroben arbeiten, damit die alpine Kulturlandschaft erhalten bleibt“, sagt er. Die Anzahl der Arbeitstage richtet sich dabei nach der Anzahl der Kühe, die ein Bauer im Sommer hoch auf die Melkalpe schickt. Die Faustregel: jede Kuh ein Arbeitstag.

Am Eingang des Garneratals bietet eine Holzbank die Gelegenheit für eine kleine Pause. Von dort aus erstreckt sich das 9,5 Kilometer lange Tal zu unseren Füßen und ermöglicht einen weiten Blick bis zu den Plattenspitzen (2883 Meter). Auch Regisseur Joseph Vilsmeier ließ sich von diesem Blick verzaubern und drehte 1994 an diesem magischen Ort den Film „Schlafes Bruder“, der auf dem gleichnamigen Roman des Vorarlberger Schriftstellers Robert Schneider basiert.

Die Erlebniswanderung führt weiter am Garnerabach entlang bis zur Alpe. Ab und an ertönt ein Ruf, klingt für uns nach einem Greifvogel. Doch Gerhard lacht nur und deutet auf einen Hang. Plötzlich hoppelt etwas Braunes, Wuscheliges durchs Gras. Es ist ein Murmeltier. Ein paar Meter weiter steht ein anderes auf einem Felsen und beobachtet uns – es scheint sich nicht bedroht zu fühlen. Hat man erst einmal eines gesehen, bemerkt man auch die anderen. Immer wieder tauchen sie nun an den Hängen auf und begleiten uns bis zu unserem Ziel, der Alpe Garnera. Oben angekommen können Wanderer sich mit einer Brettl-Jause und einem Glas Milch stärken, neugieriges Publikum inklusive. Denn ab und an traut sich auch eine Kuh bis zur Alpe hoch und beobachtet uns neugierig beim Essen.

Viel zu schnell müssen wir wieder den Rückweg antreten. Der führt vorbei an dem Maisäß Ganeu, wo die älteste Doppelscheune des Montafons aus dem Jahr 1552 steht. Trotz der Witterung und der Schneefälle ist sie gut erhalten geblieben. „Einige Familien renovieren ihre Häuser, während die Kühe oben am Berg auf der Melkalpe sind“, sagt Wanderführer Gerhard und zeigt auf ein Gebäude weiter unten am Hang. Auf dem Dach sitzen zwei Männer und verbauen hölzerne Dachschindeln. „Sie erneuern das Haus in der traditionellen Bauweise“, erklärt der Wanderführer. Der Weg bergab führt weiter durch ein Waldstück und schlängelt sich schließlich über einen Bach und eine Wiese. Von hier aus genießen wir die Aussicht auf Gaschurn.

Bis Julia und ihre Eltern zurück nach Gaschurn kommen, wird es noch eine Weile dauern. Erst Mitte September verlassen sie mit den Kühen die Alpe Garnera und ziehen zurück in ihr Haus im Tal. Dann werden sie wieder ihren eigentlichen Jobs nachgehen, Veronika als Grafik­designerin und Christian als Programmierer. Julia wird wohl auf ihre Schmetterlinge verzichten müssen, außer es verirrt sich einer von ihnen ins Tal.

Text: Anne Schüßler  Fotos: Dietmar Denger

 

Veronika Kartnig macht sich an die Produktion des Sura KeesVolle Arbeitsmontur: Veronika Kartnig macht sich an die Produktion des Sura Kees

 

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