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’s Fränzle fischt

 

 

Stockfinster ist es noch an diesem Morgen Mitte Juli und es ist kühl, 14, vielleicht 15 Grad. 4 Uhr 35, Franz startet den Mercury-Außenborder an seinem Boot. Es liegt in einer kleinen Bucht, direkt am Pumpwerk von Fußach. Mitten im Schilfgebiet des Rohrspitz, eines der interessantesten Naturschutzgebiete am Bodensee.

Franz gibt Gas, pflügt schnell durch den Morgen. Hinter dem Bregenzer Hausberg Pfänder zeigen sich die ersten Spuren des Morgenrots. Auf der einen Seite Schilf, auf der anderen der Rheindamm und sonst nur noch der offene See.

Franz wirft ein Netz aus: „Mal schauen“, sagt er, „vielleicht fangen wir heute ja ein paar Barsche.“ Besonders gesprächig ist er nicht um diese Zeit. Und er gähnt immer mal wieder. Wie? Ist das nicht normal als Fischer, dass man morgens früh raus muss? „Ja“, sagt er, „eigentlich schon. Aber gestern war so viel los auf unserer neuen Terrasse, da musste ich noch helfen bis ein Uhr in der Nacht“. Und dann um 4 Uhr wieder raus aus den Federn. Fische fragen nicht – die Fischerei funktioniert halt am besten im Morgengrauen.

Die schilfbewachsene Landzunge Rohrspitz auf der einen Seite, der Rheindamm auf der anderen und sonst nur noch der offene SeeEin Fischer-Paradies Die schilfbewachsene Landzunge Rohrspitz auf der einen Seite, der Rheindamm auf der anderen und sonst nur noch der offene See

Rund 200 Meter lang ist das Netz. Franz fährt mit seinem Alu-Boot elegante Schleifen, eine Hand am Außenborder, eine am Netz – und das gleitet schnell und fast geräuschlos in den See.

Aus Nylon sind die Netze heute, leicht und stabil, nicht mehr so schwer wie die Baumwollnetze früher, die sein Vater noch benutzt hat. Schwimmer am oberen Ende und Gewichte am unteren sorgen dafür, dass sich das Netz unter Wasser schön aufspannt – „genau so, dass die hoffentlich noch verschlafenen Barsche reinschwimmen.“ 200 Netzmeter sind schnell verteilt – zehn Minuten braucht Franz, bis er die rote Plastikflasche ins Wasser lässt.

Das Boot hat wenig Technik an Bord. Das Wichtigste sind viel Bauchgefühl und die Erfahrung des Fischers

Sie ist der Schwimmer, der das Netzende oben an der Oberfläche anzeigt. Eine grüne war am Anfang des Netzes. Drei weitere Netze hat er schon gestern Abend ausgelegt. Das macht er immer so, jeden Abend fährt er raus – wirft die Netze aus und holt sie dann am nächsten Morgen wieder ein.

Wirklich jeden Morgen? 365 Tage im Jahr? Nie Urlaub, nie krank, nie einfach mal weg? „Fast jeden Morgen“, sagt Franz, „im November gibt’s so eine Zeit, da ist nicht viel los. Da flicken wir die Netze und richten alles wieder her, was das Jahr über so liegen geblieben ist. Dann können wir auch mal mit der Familie ein paar Tage verschwinden.“

Fischer Franz Blum ist der Sohn von Fischer Franz Blum und der wiederum ist der Sohn von Franz Blum, der ebenfalls Fischer war. Bodensee-Fischer in der dritten Generation. „’s Fränzle“, wie ihn hier alle nennen, ist 38 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, 6 Jahre und 1 Jahr alt. Der Sohn übrigens, man ahnt es schon, heißt auch Franz – und wer weiß, vielleicht wird er auch mal Fischer. Wobei: Die Lage für die wenigen Berufsfischer ist nicht beson­ders rosig. Die Fänge gehen seit Jahren zurück. Der Bodensee ist heute so sauber wie nie zuvor – und genau das bereitet den Fischern Probleme. Das Wasser hat zu wenig Nährstoffe. „Wenn Fischer anfangen zu erzählen, klagen sie gleich im zweiten Satz. Da will ich nicht einstimmen“, sagt Franz in seiner ruhigen Art. Er sei in jedem Fall froh, dass er sein Restaurant jetzt mit der schönen Seeterrasse erweitern konnte. „Das ist mein zweites Standbein, das wir jetzt für die ganze Familie richtig aufbauen können“, sagt er. Gabi, seine Schwester, arbeitet auch im Betrieb mit. Und auch seinen Vater trifft man immer mal wieder im Restaurant.

5 Uhr 10

Franz fährt ein Stück weiter und erspäht den grünen Kanister: der Beginn des Felchen-Netzes. Er zieht und dann kommt eine lange Phase des Einholens: Der Motor ist aus, jetzt braucht er beide Hände. Dieses Netz ist 600 Meter lang und muss Meter für Meter aus dem Wasser gezogen werden. Nach 30, vielleicht 40 Metern hängt der erste Felchen drin. Dann noch einer und noch einer und noch einer … dann geht es Schlag auf Schlag, Felchen um Felchen pflückt er aus den Maschen und wirft sie mit routinierter Geste in die orange Plastikkiste. Das leere Netz wird fein säuberlich unten auf einem Tuch am Boden aufgeschichtet, sodass sich möglichst nichts verheddert. Die Kiste ist fast voll, als das Netz an Bord ist.

So ein Fischerboot ist übrigens sehr einfach ausgestattet, Franz kommt fast ohne Technik aus. Nur ein Tiefenmesser, der hinten beim Motor liegt, ein echtes Arbeitsgerät mit vielen Gebrauchsspuren, zeigt ihm an, wie viel Wasser unterm Kiel ist. Ansonsten: ein paar Plastikkisten für die Fische, zwei große Wannen, Netze und sonst nicht viel. Das Wichtigste sind sein Bauchgefühl und seine Erfahrung.

5 Uhr 40

Die Sonne ist inzwischen aufgegangen – ein kräftiges Morgenlicht liegt über dem See. Franz zieht seinen Pullover aus. Mit den ersten Sonnenstrahlen wird’s gleich richtig warm. Zwei weitere Netze liegen noch an anderen Stellen im See, die Prozedur ist immer gleich. Grüner Kanister, ziehen, ziehen, ziehen und wenn es gut gelaufen ist, dann sind die Kisten nachher voll.

6 Uhr 45

„Heute war ein guter Tag“, sagt Franz, bevor er den Motor für die Heimfahrt anwirft. Eine Kiste Felchen, dazu noch Rotauge, Güster, Barsche und ein Wels – alles in allem über dem Durchschnitt. Franz fährt wieder sehr schnell und bestens orientiert vom offenen See durch das Labyrinth der Schilfinseln zu seinem Heimathafen am Pumpwerk von Fußach.

7 Uhr 05

Franz lädt die Fische auf die Pritsche eines metallicblauen Pick-ups und fährt zu seinem Haus ganz in der Nähe, in dem er einen perfekt ausgestatteten Arbeitsraum hat. Dort filetiert er die Fische und sorgt mit Akribie dafür, dass sie auch weitestgehend grätenfrei sind.

9 Uhr 20

Gabi, die Schwester von Franz, füllt die Kühltheke im Restaurant mit den Fischen und Filets. 9 Uhr 30 ist alles perfekt. Der Tag kann beginnen. „Fangfrische Bodenseefische“ steht auf dem blauen Pick-up von Franz Blum. Das stimmt. Fangfrischer geht’s nicht.

Text und Fotos: Joachim Negwer

heißt das Bistro von Fischer Franz Blum im Hafen von Fußach. Serviert wird auf der neuen Seeterrasse mit Blick auf „Klein-Venedig“„Fränzle’s“heißt das Bistro von Fischer Franz Blum im Hafen von Fußach. Serviert wird auf der neuen Seeterrasse mit Blick auf „Klein-Venedig“

 

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